„Beleidigte Leberwurst“

Beleidigte Leberwurst

Kennen Sie diesen Spruch? Haben Sie ihn gehört, erlebt oder zu jemanden gesagt: Die… spielt mal wieder die beleidigte Leberwurst? Ich kenne solche Situationen aus meiner Kindheit. Meist beim Gummitwist spielen, wenn man „angeblich“ das Gummi berührt hatte und aussetzen musste.

Was ist da in solchen Situationen passiert?

Zunächst möchte ich Ihnen erzählen wie diese Redewendung entstanden ist:

Reisen wir zurück ins Mittelalter, in die Zeit in der die Gelehrten alle Gefühle (Wut, Trauer …) der Leber zuordneten. So ging man davon aus, wenn sich jemand ärgerte, dass seine Leber „beleidigt“ war.

Und da es ja „Leberwurst“ und nicht „Leber“ kommt noch eine weitere Geschichte dazu. Wenn der Metzger beim Kochen von Würsten zuerst alle anderen Sorten (z.B. Blutwurst …) aus dem kochenden Kessel nahm, weil sie früher fertig waren, ergab es sich, dass die Leberwürste zum Ende alleine im Kessel waren. Sie waren also „die Letzten“, um die er sich kümmerte. Da waren die Leberwürste echt sauer, kochten und platzten dann vor Wut, in der Hoffnung einmal als Erste aus dem Wasser genommen zu werden. Die Leberwürste haben also das Verhalten des Metzgers dahingehend interpretiert, dass sie nicht so wichtig und wertvoll seien und deswegen als Letzte drankämen.

So wurden beide Annahmen von damals (aus psychosomatischer Sicht gehört auch heute noch die Wut zur Leber) in dieser Redewendung vereint.

Hätten die Leberwürste die Situation auch anders sehen können?

Ich denke ja -hier ein paar andere Sichtweisen:

Vielleicht hätten sie auch sehen können, dass der Metzger auf jede Wurstsorte individuell eingegangen ist und jeder Wurst ihre persönliche „Reifezeit“ schenken wollte. Die Tatsache, dass Würste und eben auch Menschen unterschiedlich sind, bedeutet nicht, dass dieser Unterschied sich auf die Wertigkeit/Wertschätzung bezieht. Genau in diesem Moment hilft eine klare saubere Trennung zwischen Bedürfnis und Strategie: Wertschätzung ist ein Bedürfnis. Ein Zeitraum (z.B. 10 oder 30 Min.) ist eine Strategie. Der eine Mensch braucht für eine Aufgabe 10 Min. und der Andere 30 Min., das ist Fakt, mehr nicht.

Und jetzt können wir uns entscheiden, ob wir streiten und vor Wut platzen wollen, wenn wir denken, was „besser“ ist, 10 oder 30 Min. Oder ob wir unser Bedürfnis nach „gesehen werden“/ Zugehörigkeit/ Gemeinschaft/ Nähe/ Kontakt/Gleichwertigkeit in den Fokus nehmen, indem wir klar kommunizieren, WIE jemand unsere Bedürfnisse nach Wertschätzung erfüllen kann, in dem wir unsere persönlichen Zeitraum nach außen kommunizieren. Wenn wir gar nicht wütend sind, sondern uns einsam fühlen und in diesem Moment gerne Kontakt mit anderen brauchen, können wir auch das äußern.

Fazit: Wir sagen, was wir brauchen, statt uns abzuwerten, wenn wir 30 Min. brauchen oder im Moment schlecht alleine bleiben können. Mehr Zeit zu benötigen als andere Menschen – sprich „langsamer“ zu sein- ist eine Form der Bewertung und trennt uns von uns selbst und unseren Mitmenschen.

Wollen wir uns wirklich selbst bewerten oder rechtfertigen, warum wir so sind wie wir sind?

Ist diese Denkweise hilfreich im Leben?

Wenn wir das Denken verinnerlicht haben „Damit ich nicht zu kurz komme, muss ich mich beeilen“ oder „Damit ich nicht für blöd gehalten werde, muss ich mich beeilen“ setzen wir „schnell“ mit „intelligent“ gleich. Diese Gedanken versetzen unseren Körper umgehend in den Stressmodus und der ist dann von Gelassenheit und klarem Denken weit weg.

Und wenn wir den Eindruck haben, die „Letzten“ zu sein, spüren wir ganz deutlich, wie wichtig uns das „Gefühl“ ist „dazuzugehören“. Auch hier bedarf es der Klarheit: Erstens ist Zugehörigkeit kein Gefühl, sondern ein Bedürfnis ein Lebenswert. Zweitens reagieren wir darauf, wenn wir uns „nicht „dazuzugehören“ mit Traurigkeit. Traurig zu sein, passt nicht in eine Gesellschaft, die auf Leistung, Erfolg und Schnelligkeit ausgerichtet ist und sie wird als „Spaßbremse“ gesehen.

Wenn jemand aus unserer Sicht aus einer Situation „beleidigt“ herausgeht und dieser Rückzug als „beleidigte Leberwurst“ interpretiert wird und auch so genannt wird und stimmt mich das traurig, weil beide Personen nicht das bekommen, was sie wollten.

Wie hätte sich die Situation weiterentwickelt, wenn die Person, die verlassen wird und die eigentlich mit der anderen Person etwas unternehmen wollte folgendes gesagt hätte: „Hey bleib da, ich möchte gerne mit Dir zusammen sein“ anstatt zu sagen: „Ah, spielst mal wieder die beleidigte Leberwurst?“.

Vielleicht fühlten sich die Würste, die eher aus dem Topf genommen wurden, auch nicht wohl und waren traurig. Einige von Ihnen werden jetzt vielleicht sagen, dass die anderen Würste nicht den Mut gehabt haben in den Topf zurück zu hüpfen, weil es ja jemanden gab, der es so angeordnet hat – der Metzger! Ah so, jetzt haben wir endlich jemanden, auf den wir die „Schuld“ schieben können: der Metzger.

Wenn Sie, lieber Leser, der Metzger sind, was löst dieser Gedanke bei Ihnen aus, wenn Ihnen die Schuld zugeschoben wird? Haben Sie so gedacht?

Auch hier können wir stoppen und uns fragen: Ist „Schulddenken“ beziehungsförderlich und lebensdienlich?

Wenn wir denken wir werden hier als Letzte behandelt, unterstellen wir jemanden ein hierarchisches Verhalten und eine Absicht, die Unterschiede zwischen Menschen macht. Ist das wirklich so?

Versetzen wir uns doch mal in den Metzger

Lassen Sie uns doch einmal den Blick auf den Metzger oder das Gegenüber lenken und ihm eine „gute“ statt „böse“ Absicht“ unterstellen. Können wir uns in seine Welt hineinversetzen, welches Bedürfnis er sich damit erfüllt die Würste unterschiedlich zu behandeln? Dann kommen wir zu dem Entschluss, dass ihm ein respektvoller Umgang sehr wichtig ist, nämlich Anerkennung und Akzeptanz der Individualität des Gegenübers. Da jeder Mensch anders ist kommt er diesem Wunsch nach. Seine Gabe von mehr Zeit steht nicht in Zusammenhang mit einer Bewertung (Du bist zu langsam / zu schnell, die einen mag ich lieber, deswegen kommen die erst dran …), sondern sie war der Ausdruck jedem das Seine zu geben. Die Geschwindigkeit oder Reihenfolge ist keine Form der Bewertung, sondern hilft ihm persönlich, auch eine Art von Ordnung und Wertschätzung sicher zu stellen.

Fassen wir also zusammen: Wenn Sie bemerken, dass Sie denken „ich bin beleidigt“ oder versucht sind, es zu jemanden zu sagen, dann habe ich

Sieben Tipps für Sie:

  1. Halten Sie inne und atmen Sie zunächst erst einmal durch bevor Sie reagieren.

  1. Erinnern Sie sich an diesen Artikel: Beleidigt sein ist ein Gedanke, der auf einer moralistischen Bewertung basiert. Kann ich zu 100 % sagen, dass das, was ich denke wirklich wahr ist? Unser Verstand erzählt uns gerne Geschichten und nicht alle sind wahr. Und lebensdienliche Gedanken sind bedürfnisorientiert.

  1. Versuchen Sie zu erkennen, welches Gefühl sich gerade in Ihrem Körper zeigt: die Wut im Bauch oder die Trauer im Brustkorb…?
  2. Tauchen Sie ab zu Ihren Bedürfnissen. Was wünschen Sie sich in der Situation? Respekt/Mitgefühl/Aufmerksamkeit / Gemeinschaft/ Gesehen und Gehört werden/ Wertschätzung/ Anerkennung/Unterstützung…

  1. Teilen Sie sich mit. Sagen Sie Ihrem Gesprächspartner ganz konkret was er jetzt in der Situation für Sie tun kann?

  1. Und wenn nicht, überlegen Sie was Sie selbst ändern können? Vielleicht  auch Ihr Gedanken?

  1. Wenn Sie „Erste Hilfe in Kommunikationsunfällen“ gebrauchen können für gesunde tragfähige Beziehungen, dann möchte ich Ihnen Coachingstunden oder/und ein Kommunikationsseminar ans Herz legen.

Imke Götz
Menschen in Verbindung zu bringen Expertin für Körperkommunikation IMpuls® - Körper - Gestalt - Coach

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